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Texte

Kirchliche Trauung? Kirchliche Trauung!

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Plädoyer für einen liebevollen Umgang mit Liebenden

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Von Michael Ostendorf

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Alle Jahre wieder

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Alle Jahre wieder – so um die Adventszeit herum – heißt es Urlaubspläne machen. Nicht etwa weil mich das Fernweh gepackt hätte, oder ich nach einem anstrengenden Kirchenjahr reif für die Insel wäre. Nein, es kommen die Verlobten, die Pärchen, die Kurzentschlossenen und Langverplanten mit ihren Hochzeitsterminwünschen. Alles ist überlegt, angedacht und geplant. Da darf die Kirche nicht fehlen! Bevor ich mich versehe, ist mein Jahr mit Terminen übersät. Freitage und Sonnabende sind belegt, zusammenhängende Urlaubswochen kaum noch zu finden. Also – bevor die unumstößlichen Wünsche eintrudeln, muss ich selbst überlegen, wohl wissend, dass wenn ich mein Jahr nicht strukturiere, diese Aufgabe von den Menschen übernommen werden würde, die sich den kirchlichen Segen für ihre Hochzeit wünschen. Warum steckt im Hochzeitssegen eine so starke Dynamik, die den Menschen bewusst oder unbewusst wichtig ist? Warum ist die Kirche gerade jetzt - bei dieser persönlichen Entscheidung – gefragt?

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Diese Dynamik habe ich während meiner ersten fünf Dienstjahre in Kirchsteinbek, einer Gemeinde im Osten Hamburgs erlebt. Ich habe mich darauf eingestellt, selbst mehr als 30 Trauungen im Jahr zu machen. Und nicht zuletzt: Bei den Begegnungen mit den Brautpaaren habe ich viele tiefgehende Gespräche geführt, ist mir die Relevanz der seelsorgerlichen Begleitung deutlich geworden. Die Kirche ist gefragt. Aber welche Antworten gibt sie? Wie geht die Kirche – wie gehen wir Pastorinnen und Pastoren, Kirchenvorstände und Gemeinden – mit Menschen um, die der Kirche nicht nahe stehen, die Sonntags nicht im Gottesdienst erscheinen und in der Gemeinde nicht bekannt sind, ja, die vielleicht nicht einmal getauft, oder später wieder aus der Kirche ausgetreten sind?

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Erste Begegnung

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Die Kirchsteinbeker Kirche steht etwas erhöht in einem Ortsteil, der zu Hamburg-Billstedt gehört. Sie ist weithin sichtbar und wird nachts schön beleuchtet. Für manche Menschen ist der erste Kontakt mit dieser Kirche ein flüchtiger Blick aus dem Auto heraus. Denn sie liegt genau im Kreuz der Autobahn und der Bundesstraße 5. Wenn man von Billstedt nach Bergedorf fährt oder in Oststeinbek von der Autobahn abfahren will, sieht man sie fast zwangsläufig. Der neugotische Backsteinbau erweckt den Eindruck der Schönheit, des Alters und der Tradition. So stellen sich die Leute eine Kirche vor. In so einer Kirche möchten sie gerne heiraten! Zumal davor auch noch eine schöne lange Treppe ist. Mit diesem ersten Eindruck machen sich die Brautpaare auf den Weg. Entweder fahren sie gleich von der Autobahn ab und klingeln an der Tür oder sie suchen später die Telefonnummer heraus und rufen im Kirchenbüro an. Manche kommen am Sonntag in den Gottesdienst, möchten die Kirche von innen sehen und einen Gottesdienst miterleben. Die erste Begegnung findet oft zwischen Tür und Angel statt. Es werden Formalitäten abgefragt. Wie ist es mit dem Termin? Dürfen wir in dieser Kirche überhaupt heiraten? Wie ist es, wenn beide konfessionsverschieden sind, nicht aus Kirchsteinbek kommen, oder wenn einer (manchmal sogar beide!) nicht in der Kirche sind? Was kostet es? All diese Fragen sind in diesem Moment gar nicht zu beantworten. Deshalb führt der Weg erst einmal in das Kirchenbüro und zu einem ersten Gespräch.

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Erstes Gespräch – erste Probleme

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In diesem ersten Gespräch steht die Problemanzeige in aller Regel gleich am Anfang. Eine Hälfte des Brautpaares ist nicht Mitglied der (bzw. einer) Kirche. Oft wird dieser Zustand vom Betroffenen selbst als Mangel empfunden. Aber die Hürde des Eintritts ist zu hoch, die gemachten Erfahrungen zu schlecht oder das Geld zu knapp. Mit anderen Worten: In ihrem Alltag ist die Relevanz der Kirche und das, wofür die Kirche als Institution steht, nicht deutlich. Der persönliche Zugang fehlt. Kirche wird nicht als Einrichtung verstanden, die für einen selbst gut ist, die einen selbst anspricht. Für die Kinder und Jugendlichen, die Alten und Kranken macht Kirche ja einen Sinn, aber für uns? Nein, da hat die Kirche nichts zu bieten! An der Frage der kirchlichen Trauung bricht diese Haltung auf. Es kommt zum offensichtlichen Widerspruch zwischen alltäglicher Erfahrung und einer entscheidenden Situation im persönlichen Leben. Die Hochzeit stellt zweifellos eine Ausnahmesituation dar. Die Brautpaare möchten getraut werden, weil sie sich trauen. Sie wünschen sich Gottes Segen, weil sie um die Zerbrechlichkeit von Beziehungen wissen und selbst (schmerzliche) Erfahrungen mit Partnerschaften gemacht haben. „Ja“ zueinander zu sagen ist etwas ganz besonders. Deshalb soll dieser Tag besonders gefeiert werden. Das „Ja“ soll ausdrücklich werden – vor anderen Menschen und vor Gott! Hier macht Kirche Sinn! In dieser besonderen Situationen wird sie wahrgenommen. In den sogenannten Rite des Passage, den Übergängen im Leben, scheinen die kirchlichen Ausdrucksformen den Menschen eine eigene Deutung ihres Lebens zu ermöglichen. Hier trifft der Wunsch nach Begleitung mit dem Angebot des Segens zusammen. Oft ist dieser Zusammenhang aber ganz unbewusst. Die Kirche gehört einfach dazu. Der Gang zum Altar ist das Wesentliche. Die standesamtliche (die eigentliche!) Trauung wird nur als Formalie empfunden.

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An diesem Punkt im Leben wollen die Menschen wahr- und ernstgenommen werden. Sie kommen ganz persönlich. Aber an wen sollen sie sich wenden? Zur eigenen Ortsgemeinde gibt es selten Kontakt. Die Pastorin, den Pastor kennen sie oft nicht. So ist der Wunsch nach kirchlicher Trauung mit Unsicherheit oder sogar Beklemmungen verbunden. Was wird von uns erwartet? Was müssen wir tun? Sind wir hier mit unserem Anliegen richtig? Diese Unsicherheit ist nicht einseitig. Auch auf Seiten der Pastorinnen und Pastoren gibt es Unklarheiten. Manchmal wird man das Gefühl nicht los, nur Zeremonienmeister oder Showmaster und somit nur als Kulisse für ein schönes Fest zu dienen. Da meint man in das Muster der Traumhochzeit gepresst zu werden und bei all den speziellen Wünschen nicht mehr das Eigentliche zum Ausdruck bringen zu können. Manche befürchten gar ein magisches Verständnis des kirchlichen Segens und damit eine Entstellung des Evangeliums. Wenn die Frage nach dem Fotografieren wichtiger ist als die Auswahl des Trauspruches und der Lieder... dann!?!

„Wirklich schwierig scheint mir die Wahrnehmung und das Verstehen derjenigen Menschen, deren Beziehungen zur institutionalisierten Religion lebenszyklisch strukturiert sind. Sie praktizieren eine distanzierte, selektive Kirchlichkeit, deren Regeln uns teils unbekannt, teils unheimlich sind... Ihr Verhalten stellt die hierzulande übliche evangelische Form von ́Volksreligion ́ dar. Deshalb meine ich: Solange wir noch eine volkskirchliche Situation haben, solange wir es also in den Gemeinden, im Kindergarten, bei Kasualien, im Konfirmandenunterricht, beim Religionsunterricht in der Schule, in Akademien und Beratungsstellen immer noch mehrheitlich mit Christen zu tun haben, die nicht in den engeren Kreis der vereinskirchlichen Lebenswelt ́eingemeindet ́ werden wollen, solange gehört die Kommunikation mit dieser Gruppe mit zu den Hauptaufgaben kirchlicher Praxis und theologischer Ausbildung. Aber wir tun uns schwer damit.“ (P. Cornehl, Frömmigkeit - Alltagswelt –Lebenszyklus. Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft, 64 /1975, 397)

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Dem stimme ich zu. Gerade deshalb sehe ich in der kirchlichen Trauung und ihren begleitenden Gesprächen die Möglichkeit der gegenseitigen Wahrnehmung, auch wenn sie im Spannungsfeld verschiedener Erwartungen steht. An der schon aufgeworfenen Frage der Kirchenmitgliedschaft wird das zu aller erst deutlich. Und obwohl ich diese Gespräche für wichtig erachte, verlieren sie sich allzu schnell in gegenseitigen Vorwürfen und Verteidigungsmustern und damit letztendlich in falschen Konsequenzen. Im individuellen Glauben steht der Sinn der kirchlichen Gemeinschaft in Frage. Der Segen Gottes wird als etwas erlebt, was von einem Mitgliedsbeitrag – der Kirchensteuer - abhängig gemacht wird. Doch gerade von dieser Kirche wird der Segen erwünscht. Der Glaube, der in ihren den Ritualen und Symbolen zum Ausdruck kommt, hilft bei der Deutung und Bewältigung außergewöhnlicher Lebenssituationen. In diesem Widerspruch stehen viele Brautpaare. Ihn gemeinsam mit ihnen auszuhalten und darüber ins Gespräch zu kommen, darin sehe ich die Notwendigkeit und auch die Chance der Begegnungen in Vorbereitung auf die Trauung. Als kleine Hilfe gebe ich dem Brautpaar eine Liste mit möglichen Trausprüchen und eine Broschüre über die Trauung (Z.B. Wenn zwei sich trauen, Amt für Öffentlichkeitsdienst der Nordel. Ev.-Luth. Kirche)

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Das Traugespräch – oder die Hochzeit als Krise

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Zum eigentlichen Traugespräch besuche ich das Brautpaar in dessen Wohnung. Meistens wohnen beide schon längere Zeit zusammen. Sie haben ausprobiert, wie das gemeinsame Leben funktioniert, wie Liebe und Bewältigung alltäglicher Aufgaben zusammenpassen. An dieser Tatsache wird deutlich, dass die Trauung einen Bedeutungswandel durchgemacht hat. Stand sie früher an der Schwelle des Auszuges aus dem Elternhaus und am Beginn der sexuellen- sowie der Wohn- und Lebensgemeinschaft, so markiert die Trauung heute fast ausschließlich die Eheschließung durch den staatlichen Rechtsakt auf dem Standesamt, wobei die Standesamtliche Trauung durchaus schon einige Zeit zurückliegen kann. Die Schwelle, um die es geht, ist die Entscheidung, gemeinsam verbindlich zu leben. An dieser Stelle gewinnt der Wunsch nach Segen seine Bedeutung und stimmt mit dem Grundsatz der Kirche überein: „Die Kirche traut, weil die Ehe Gottes Gabe ist zur Bewahrung und Segnung des Lebens, wie es die Heilige Schrift bezeugt. Gott hat den Menschen als Mann und Frau nach seinem Bilde geschaffen und verbindet sie in der Ehe zu lebenslanger Gemeinschaft.“ (Grundlinien für das kirchliche Handeln, Nordelbisches Kirchenamt, Kiel, 1989, 10)

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Das Gespräch ist verabredet. Der Pastor kommt ins Haus. Beide – Pastor/Pastorin und Brautpaar – erleben eine neue Situation. Diese wird vorbereitet. Oft wird die Wohnung extra aufgeräumt, manchmal der Tisch gedeckt und immer etwas zu Trinken angeboten. Braut und Bräutigam sind Gastgeber: Sie laden mich ein! Für sie ist das eine ungewöhnliche Einladung, denn ansonsten kommt kein Pastor/keine Pastorin ins Haus. Gespannte Atmosphäre. Die Erwartungen an meine Rolle sind vielfältig. Ich stehe für die Kirche, den Glauben und - in diesem Fall - als Fachmann für die Kirchliche Trauung. Im Kommen des Pastors/der Pastorin wird die Beziehung zu Gott symbolisiert. Das macht den Besuch zu etwas Besonderem. Der Gesprächsverlauf hat mit dieser Rollenerwartung - ihrer Erfüllung bzw. ihrer Enttäuschung - zu tun. Darauf stelle ich mich ein. In Traugesprächen gibt es so etwas wie eine objektive Ebene, den sicheren Boden unter meinen Füßen: Die Trauung und ihr Ablauf. Daneben steht das Subjektive: Braut und Bräutigam. Ihre verschiedenen Lebenserfahrungen und die gemeinsamen Wünsche und Erwartungen für die Zukunft. Und nicht zu vergessen: Ihre jeweils eigenen Charaktere, die unterschiedlichen Empfindungen, die sie mit ihrer Trauung und dem gemeinsamen Leben verbinden. Und natürlich höre ich das Gesagte auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen. Ich bringe mich selbst mit ein. In Vorbereitung auf das Traugespräch mache ich mir bewusst, dass es diese unterschiedlichen Ebenen gibt, und dass sie im Gespräch oft unmerklich wechseln.

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Im weiteren Verlauf des Gespräches wird neben aller Freude deutlich, dass die Hochzeit für das Brautpaar mit Organisation, Veränderungen und Kompromissen verbunden ist. Es gibt vermeintliche gesellschaftliche und familiäre Konventionen, die berücksichtigt werden sollen. Es muss eine Räumlichkeit gefunden, das Essen ausgewählt und die Gästeliste erstellt werden. Sollen die Partnerinnen und Partner der geschiedenen Eltern auch eingeladen werden? Nicht selten sind Braut und Bräutigam überfordert. Manchmal ist die Situation angespannt. Die Nerven liegen blank. Ein falsches Wort kann zum Streit führen. Der schönste Tag des Lebens wird zur emotionalen Belastungsprobe. Dieser Widerspruch wird oft verdrängt. Aber es wird äußerlich spürbar, dass die Hochzeit einen Einschnitt im Leben darstellt, der beide verändert. Trotz des gemeinsamen Wohnens wird erst jetzt das Singledasein aufgegeben. „Ja, ich will!“ Das ist eine Entscheidung für den Rest des Lebens. Aber ist es die richtige? Will ich wirklich? Kann ich wirklich mit den Fehlern des Partners leben? Kann mein Partner wirklich akzeptieren, dass ich bin, wie ich bin? Gibt es noch heimliche, unausgesprochene Sachen, die es vorher zu klären gilt? „Wer von dem Pfarrherrn oder Bischof Gebet und Segen begehrt, der zeiget damit wohl an (ob er ́s gleich mit dem Munde nicht redet), in was Fahr und Not er sich begibt und wie hoch er des göttlichen Segens und gemeinen Gebets bedarf zu dem Stande, den er anfähret, wie sich ́s denn auch wohl täglich findet, was Unglücks der Teufel anrichtet in dem Ehestande mit Ehebruch, Untreu, Uneinigkeit und allerlei Jammer.“ (M. Luther; Traubüchlein 1529, zitiert nach M. Dutzmann, Das Fernsehen ist nicht die Kirche. „Traumhochzeit“ und Kirchliche Trauung, Pastoralthelogie, Göttingen 88/1999/1, 26)

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Die Hochzeit ist für alle Beteiligten eine Umbruchsituation und damit im besten Sinn eine Krise – eine schwere Zeit! Sie soll vom Brautpaar bewältigt und vom Pastor/der Pastorin begleitet werden. Der Wunsch nach kirchlichem Segen, ist für mich ein Hinweis darauf, dass diese Konsequenzen empfunden werden. „Offensichtlich bietet der Ritus der gottesdienstlichen Segenshandlung die Chance, dass sich Erfahrungen, die z.T. Jahre zurückliegen, in der Erinnerung verdichten, emotional aufbrechen und so verarbeitet werden können.“ (R. Stuhlmann, Trauung und Segnung. Biblisch- theologische Gesichtspunkte für die Diskussion aktueller Fragen, Pastoraltheologie, Göttingen 84/1995/9, 498) Das Traugespräch ist für mich weder Katechismus- noch Gewissensprüfung, sondern die Bemühung das Brautpaar in seiner persönlichen Situation zu hören und zu verstehen. Das heißt auch nachzufragen, wenn etwas unklar ist und merkwürdige Empfindungen auszusprechen. Ich versuche das Gehörte mit meinen Worten widerzugeben und zu vertiefen. Damit werde ich dem Brautpaar ein Gegenüber. In so einem Gespräch können die Begriffe Liebe Gottes, Rechtfertigung, Versöhnung und Vergebung lebendig werden. Sie können helfen, die Erfahrungen des Brautpaares zu interpretieren. So findet das Symbol der Trauung im Traugespräch seine Ausdrücklichkeit. „Wenn Interpretation statt Kontrolle geschieht, dann kann die Trauung zu einer wirklich gemeinsamen Handlung von Christenmenschen miteinander werden, dann erst kommen der magiebedürftige und möglicherweise klischeebehaftete Glaube von Kirchenmitgliedern und die professionelle theologische Deutekompetenz des Pfarrers, der Pfarrerin wirklich in Kontakt – und das gibt die produktive Mischung.“ (E. Hauschildt, Kirchliche Trauung zwischen Magiebedürfnis und Interpretationschance. Zu den Beiträge von Jo Reichertz und Martin Dutzmann, Pastoraltheologie, Göttingen 88/1999/1, 33)

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Auf diesem Hintergrund kann der Ablauf der Trauung mit ihren Gesten, Ritualen und Symbolen besprochen werden. Die ausgewählten Texte, der Trauspruch, die Lieder und die (auch populäre) Musik werden in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Nur selten kommt es vor, dass ich auf einen Wunsch des Brautpaares - begründet - nicht eingehe. „Wenn der elementare Sinn christlichen Gottesdienstes darin besteht, Gottes Liebe zu feiern, dann ist es von entscheidender Bedeutung, dass die gesamte Atmosphäre des Gottesdienstes diese Liebe widerspiegelt. Dies erfordert, Musik sorgfältig daraufhin zu prüfen und auszuwählen, ob sie diese Atmosphäre wirklich fördern und zu einem Zeugnis göttlicher Menschenliebe werden kann.“ (M. Heymel, You gotta love someone. Über Musik bei Kasualien, Pastoraltheologie, Göttingen 88/1999/1, 41)

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Die Trauung – oder: Das Ja zum Leben

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Mit dem Gespräch ist die Vorbereitung der Trauung abgeschlossen. Der nächste Schritt ist dann, das Gehörte und Erlebte mit den Gestaltungswünschen zu verbinden. Das heißt, eine Beziehung zwischen der persönlichen Situation des Brautpaares und dem Zuspruch der Liebe Gottes, die in der Ansprache zu Wort kommen und der Segenshandlung sichtbar werden soll, deutlich werden zu lassen. Der Traugottesdienst ist keine Wiederholung des Traugespräches sondern dessen rituelle und feierliche Ausgestaltung. „In der Atmosphäre des geschmückten Kirchenraums, im feierlichen Klang der Orgel, in der Kleidung des Brautpaares, im Tun der altvertrauten Rituale (Einzug, Ringwechsel, Beten, Segen), im Klang der altvertrauten Formeln („Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, „...bis dass der Tod euch scheidet“, „Der Herr segne dich...“). All diese Zeichen und Riten sind im Erleben der Feiernden nicht bloßer Schmuck, sondern gehören notwendig zum Gelingen des Sich-Trauen-Lassens dazu“ (Hauschildt, Kirchliche Trauungen, 31).

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Am Tag der Trauung steigt die Spannung ins Unermessliche. Alle Beteiligten sind aufgeregt und in gespannter Erwartung. Die, die eine Aufgabe übernommen haben, befürchten ein Misslingen und damit eine peinliche Situation. Es wird deutlich, dass es bei der Trauung um etwas geht! Am Brautpaar läuft alles wie im Flug vorbei. All die Eindrücke und Empfindungen können in dem Moment gar nicht wirklich wahrgenommen werden. Und doch habe beide ein Gespür dafür, dass sie spätestens mit dem Einzug in die Kirche für alle sichtbar vor Gott treten. In diesem Augenblick stehen sie in aller Öffentlichkeit. Sie öffnen sich. Sie trauen sich, ein Stück ihres Lebens zu zeigen und vertrauen sich damit dem Pastor/der Pastorin, der Familie, den Freundinnen und Freunden, der Gemeinde und Gott an.

Sie sagen vor Gott und den Menschen „Ja“ zueinander und bejahen damit den Glauben, dass Gott zu ihnen „Ja“ gesagt hat und dieses „Ja“ sowohl in der Ehe als auch im gemeinsamen Leben seine Ausdrücklichkeit findet. Damit wird - in diesem einen Wort - der dialogische Charakter der kirchlichen Trauung deutlich. Das vorangegangene Traugespräch hat hier seine Bedeutung. In den angesprochenen Themen, Sorgen und Problemen und in der Wahrnehmung der beiden Menschen, die sich trauen, wird ihnen eine Interpretationshilfe gegeben, die das ausgesprochene „Ja“ füllt und zu einer wirklichen Entscheidung werden lässt. „Diejenige Rechtfertigung von Lebensgeschichte, so könnte man im Anschluss an W. Gräb formulieren, die die kirchliche Trauung bietet, ist gerade nicht Selbstrechtfertigung. Sie verkündigt vielmehr Gott als den, in dessen Segen für das Paar zum Ausdruck kommt: Das Risiko einer Trauung kann realistischerweise nur im Vertrauen auf Gott gewagt werden.“ (Hauschildt, Kirchliche Trauungen, 29)

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Erschienen in: Lernort Gemeinde – Zeitschrift für theologische Praxis; 18. Jahrgang; Heft 2/2000; Kasualien; Seite 28-31; Hrsg. Evangelisches Zentrum Rissen; 12.- DM + Versand

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