Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.   

Lk.21,28b

Luthers mystische Wurzeln

‍„Die ‍fremde ‍Reformation“ ‍von ‍Volker ‍Leppin

‍Das ‍Jahr ‍2017 ‍steht ‍bevor: ‍Lutherjubiläum ‍- ‍500 ‍Jahre ‍- ‍Anschlag ‍der ‍95 ‍Thesen. ‍Ein ‍Moment, ‍der ‍die ‍Welt ‍verändert ‍hat. ‍Der ‍wuchtige ‍Hammerschlag, ‍der ‍den ‍Beginn ‍der ‍Reformation ‍markieren ‍sollte. ‍


‍Von ‍Luther ‍sind ‍viele ‍solcher ‍„Bilder“ ‍gemalt ‍und ‍überliefert ‍worden. ‍Und ‍Luther ‍selbst ‍hat ‍die ‍Medien ‍für ‍seine ‍Zwecke ‍eingesetzt. ‍Ohne ‍Lucas ‍Cranachs ‍Lutherbildnisse ‍gäbe ‍es ‍keine ‍Illustration ‍der ‍Ereignisse. ‍Und ‍ohne ‍Gutenbergs ‍Buchdruck ‍gäbe ‍es ‍keine ‍massenhafte ‍Verbreitung ‍der ‍Gedanken ‍und ‍Thesen ‍Luthers ‍und ‍wohl ‍auch ‍keine ‍Bibel ‍für ‍die ‍breite ‍Bevölkerung. ‍


‍Wir ‍scheinen ‍es ‍gewohnt ‍zu ‍sein, ‍Luther ‍so ‍stilisiert ‍zu ‍betrachten. ‍Auch ‍bei ‍uns ‍in ‍Moorfleet ‍steht ‍Luther ‍so ‍monumental ‍da. ‍Angelehnt ‍an ‍die ‍Schlosskirchentür ‍zu ‍Wittenberg. ‍Die ‍Thesen ‍in ‍der ‍linken ‍den ‍Hammer ‍in ‍der ‍rechten ‍Hand ‍haltend. ‍Zum ‍Anschlag ‍bereit. ‍Tatkräftig. ‍Entschlossen. ‍


‍Allein ‍der ‍Glaube, ‍allein ‍die ‍Schrift, ‍allein ‍Christus! ‍Konzentriert ‍und ‍zugespitzt, ‍so ‍haben ‍wir ‍es ‍von ‍und ‍über ‍Luther ‍gelernt. ‍Und ‍so ‍wurde ‍Luther ‍auch ‍in ‍der ‍Geschichtsschreibung ‍als ‍einzigartig ‍verstanden, ‍der ‍allein ‍diesen ‍Schritt ‍in ‍die ‍„Neuzeit“ ‍gemacht ‍habe. ‍Ohne ‍Luther ‍keine ‍Reformation, ‍ohne ‍Luther ‍keine ‍deutsche ‍Bibel, ‍ohne ‍Luther ‍keine ‍Abwendung ‍von ‍der ‍Werkgerechtigkeit, ‍ohne ‍Luther ‍keine ‍Freiheit ‍im ‍Glauben. ‍Da ‍hat ‍Luther ‍mit ‍dem ‍Tintenfass ‍nach ‍dem ‍Teufel ‍geworfen ‍oder ‍mit ‍dem ‍Schuh ‍auf ‍den ‍Tisch ‍gehauen. ‍


‍Manch ‍Bild, ‍das ‍wir ‍von ‍Luther ‍haben, ‍ist ‍doch ‍recht ‍holzschnittartig. ‍Und ‍manch ‍theologischer ‍Gedanke ‍recht ‍einfach, ‍verkürzt ‍oder ‍gar ‍dogmatisch ‍(weiter)gedacht. ‍Das ‍musste ‍ich ‍zumindest ‍- ‍selbstkritisch ‍- ‍nach ‍der ‍Lektüre ‍des ‍Buches ‍„Die ‍fremde ‍Reformation ‍- ‍Luthers ‍mystische ‍Wurzeln“ ‍von ‍Volker ‍Leppin ‍(C.H. ‍Beck, ‍München ‍2016, ‍247 ‍Seiten, ‍21,95€) ‍eingestehen. ‍Leppin ‍wagt ‍einen ‍ganz ‍unverstellten ‍Blick ‍in ‍die ‍Zeit ‍Luthers. ‍Er ‍läßt ‍einen ‍teilhaben ‍an ‍den ‍Gedanken ‍und ‍Glaubensvorstellungen ‍der ‍Menschen ‍damals. ‍Er ‍läßt ‍einen ‍in ‍die ‍Mystik ‍eintauchen, ‍von ‍der ‍auch ‍Luther ‍zutiefst ‍beeinflusst ‍gewesen ‍ist. ‍Mit ‍einem ‍ersten ‍Lutherzitat ‍in ‍der ‍Einleitung ‍öffnet ‍Leppin ‍die ‍Tür ‍in ‍diese ‍Welt: ‍„Wie ‍keme ‍denn ‍ich ‍armer ‍stinckender ‍madensack ‍datzu, ‍das ‍man ‍die ‍kynder ‍Christi ‍solt ‍mit ‍meynem ‍heyloszen ‍namen ‍nennen?“ ‍Denn ‍„so ‍wies ‍er ‍den ‍Gedanken ‍ab, ‍dass ‍Christen ‍sich ‍Lutheraner ‍nennen ‍sollten.“ ‍


‍So ‍bin ‍ich ‍mitten ‍hineingenommen ‍in ‍die ‍Thematik. ‍Ja, ‍warum ‍nennen ‍wir ‍uns ‍eigentlich ‍Lutheraner? ‍Warum ‍beziehen ‍wir ‍uns ‍oft ‍recht ‍statisch ‍auf ‍einen ‍Mann, ‍der ‍selbst ‍heftig ‍in ‍Bewegung ‍gewesen ‍ist? ‍Der ‍um ‍das ‍richtige ‍Verstehen ‍und ‍den ‍Glauben ‍gerungen ‍hat? ‍

‍Der ‍Menschen ‍um ‍sich ‍herum ‍hatte, ‍die ‍ähnliches ‍erlebt ‍und ‍geglaubt ‍haben. ‍Die ‍ihm ‍Beichtvater, ‍Lehrer ‍oder ‍Freund ‍und ‍auch ‍Vorbild ‍gewesen ‍waren. ‍


‍Da ‍ist ‍beispielsweise ‍Johann ‍von ‍Staupitz, ‍dessen ‍Mystik ‍das ‍Leiden ‍Christi ‍nachvollzogen ‍und ‍sich ‍damit ‍für ‍sich ‍selbst ‍angeeignet ‍hat: ‍„All ‍tugent, ‍alle ‍genad ‍ist ‍in ‍dir ‍alain.“ ‍Bei ‍ihm ‍hatte ‍Luther ‍offenbar ‍die ‍Konzentration ‍auf ‍das ‍„Allein“ ‍gefunden. ‍Luther ‍selbst ‍hatte ‍später ‍erklärt: ‍„Staupicius ‍hat ‍die ‍doctrinam ‍angefangen.“ ‍So ‍beginnt ‍dieses ‍kleine ‍Buch, ‍das ‍ich ‍Ihnen ‍an ‍Herz ‍legen ‍möchte. ‍Es ‍führt ‍einen ‍Schritt ‍für ‍Schritt ‍zu ‍dem ‍Luther ‍seiner ‍Zeit. ‍


‍Manch ‍Aha-Erlebnis ‍lässt ‍die ‍stilisierten ‍Lutherbilder ‍lebendig ‍werden ‍und ‍ganz ‍neu ‍verstehen. ‍Das ‍macht ‍Spaß! ‍Das ‍führt ‍in ‍die ‍Tiefe! ‍Das ‍nimmt ‍einen ‍mit. ‍Trauen ‍Sie ‍sich ‍„Die ‍fremde ‍Reformation“ ‍zu ‍erkunden. ‍Es ‍lohnt ‍sich ‍wirklich!


‍Michael ‍Ostendorf

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