(C) 2019 

Facebook
Instagram @michaelostendorf
Twitter @ostendorflieder

Gedanken zur pastoralen Identität

Anläßlich der Bewerbung zum Stellenwechsel von Hamburg Mümmelmannsberg nach Moorfleet-Allermöhe-Reitbrook

‍Auch ‍wenn ‍ich ‍am ‍24.12.1962, ‍am ‍Heiligen ‍Abend ‍also, ‍geboren ‍worden ‍bin: ‍Religiosität, ‍kirchliche ‍Frömmigkeit ‍oder ‍gar ‍ein ‍vorgezeichneter ‍Weg ‍zum ‍Pastorensein ‍wurden ‍mir ‍nicht ‍in ‍die ‍Wiege ‍gelegt. ‍


‍In ‍meiner ‍Familie ‍gab ‍es ‍keine ‍intensive ‍Bindung ‍an ‍die ‍Kirche. ‍Die ‍Prägung ‍war ‍eher ‍distanziert. ‍Die ‍großen ‍kirchlichen ‍Feste ‍wurden ‍so ‍begangen, ‍wie ‍man ‍es ‍eben ‍tat.


‍Und ‍doch ‍war ‍der ‍Heilige ‍Abend ‍etwas ‍Besonderes. ‍In ‍der ‍ersten ‍Tageshälfte ‍wurde ‍mein ‍Kindergeburtstag ‍gefeiert. ‍Ich ‍durfte ‍Freundinnen ‍und ‍Freunde ‍einladen. ‍Diese ‍Einladungen ‍wurden ‍besonders ‍von ‍deren ‍Eltern ‍immer ‍herzlich ‍begrüßt, ‍denn ‍dann ‍war ‍der ‍Weg ‍frei, ‍um ‍in ‍den ‍eigenen ‍vier ‍Wänden ‍die ‍Bescherung ‍vorzubereiten, ‍ohne ‍von ‍den ‍Kindern ‍gestört ‍zu ‍werden. ‍Für ‍meine ‍Eltern ‍war ‍das ‍etwas ‍komplizierter. ‍Denn ‍unsere ‍Wohnung ‍war ‍ja ‍voller ‍Kindertrubel. ‍Das ‍nachmittägliche ‍Krippenspiel ‍in ‍der ‍Eilbeker ‍Versöhnungskriche ‍bot ‍einen ‍passenden ‍Ausweg. ‍Alle ‍Kinder ‍wurden ‍zum ‍Abschluss ‍meines ‍Kindergeburtstages  dorthin ‍geschickt. ‍So ‍hatten ‍meine ‍Eltern ‍dann ‍freie ‍Bahn. ‍Konnten ‍alles ‍vorbereiten, ‍den ‍Baum ‍schmücken, ‍Geschenke ‍hervorholen ‍und ‍dann ‍die ‍gute ‍Stube ‍bis ‍zur ‍Bescherung ‍abschließen. ‍


‍So ‍erlebte ‍ich ‍viele ‍Krippenspiele. ‍Besonders ‍ist ‍mir ‍der ‍jeweilige ‍Abschied ‍nach ‍dem ‍Gottesdienst ‍in ‍Erinnerung. ‍Der ‍Pastor ‍gab ‍uns ‍die ‍Hand, ‍wünschte ‍fröhliche ‍Weihnacht ‍und ‍wir ‍bekamen ‍eine ‍Kerze ‍mit ‍Windschutz. ‍Darauf ‍freuten ‍wir ‍uns ‍immer! ‍Dieses ‍Licht ‍leuchtete ‍uns ‍dann ‍den ‍Weg ‍durch ‍das ‍Eilbektal.  Zuhause ‍angekommen ‍war ‍mein ‍Geburtstag ‍dann ‍vorbei. ‍Es ‍wurde ‍Weihnachten.


‍Für ‍mich ‍war ‍das ‍ein ‍schönes ‍Ritual. ‍Immer ‍wieder ‍wurde ‍ich ‍gefragt, ‍ob ‍ich ‍es ‍nicht ‍ungerecht ‍fände, ‍dass ‍ich ‍nur ‍einmal ‍im ‍Jahr ‍Geschenke ‍bekommen ‍würde. ‍Das ‍konnte ‍ich ‍so ‍nie ‍empfinden. ‍Ich ‍mochte ‍meinen ‍Kindergeburtstag.


‍Das ‍alles ‍schicke ‍ich ‍in ‍dieser ‍Betrachtung ‍vorweg, ‍weil ‍es ‍meines ‍Erachtens ‍einen ‍guten ‍ersten ‍Einblick ‍auf ‍mich ‍als ‍Person ‍ermöglicht. ‍Da ‍ist ‍Nähe ‍und ‍Distanz. ‍Da ‍ist ‍aber ‍auch ‍persönliche ‍Bindung ‍an ‍ein ‍kirchliches ‍Fest. ‍Ein ‍liebgewordener ‍Moment ‍- ‍das ‍mit ‍der ‍Kerze ‍aus ‍dem ‍Krippenspiel ‍verabschiedet ‍werden ‍– ‍der ‍mich ‍geprägt ‍hat.


‍Diesem ‍Moment ‍folgten ‍in ‍großen ‍Abständen ‍weitere ‍Begegnungen. ‍Da ‍gab ‍es ‍die ‍Jungschar ‍und ‍den ‍Kindergottesdienst. ‍Ab ‍und ‍zu ‍habe ‍ich ‍gerne ‍daran ‍teilgenommen. ‍Später ‍dann ‍der ‍Konfirmandenunterricht ‍und ‍die ‍Konfirmation. ‍In ‍diesen ‍Begegnungen ‍konnte ‍ich ‍Beziehungen ‍erleben, ‍die ‍mir ‍gut ‍taten. ‍Denn ‍zuhause ‍war ‍nicht ‍immer ‍Heiligabend. ‍Ganz ‍im ‍Gegenteil. ‍Nach ‍der ‍Konfirmation ‍war ‍Kirche ‍für ‍mich ‍nicht ‍mehr ‍interessant. ‍Das ‍Interesse ‍wurde ‍erst ‍ein ‍paar ‍Jahre ‍später ‍wieder ‍geweckt. ‍Durch ‍schulische ‍Themen ‍aber ‍auch ‍die ‍Frage, ‍was ‍ich ‍später ‍beruflich ‍werden ‍wollte, ‍war ‍ich ‍auf ‍der ‍Suche. ‍Diese ‍führte ‍mich ‍in ‍einen ‍„Theologischen ‍Arbeitskreis“ ‍für ‍junge ‍Erwachsene ‍der ‍Versöhnungskirche, ‍der ‍von ‍Pastor ‍Warner ‍Bruns ‍geleitet ‍worden ‍war. ‍Dort ‍wurde ‍sich ‍gerade ‍mit ‍Martin ‍Luther ‍beschäftigt. ‍Es ‍sollte ‍die ‍Schrift ‍„Von ‍der ‍Freiheit ‍eines ‍Christenmenschen“ ‍besprochen ‍werden. ‍Mir ‍wurde ‍eine ‍Kopie ‍dieser ‍Schrift ‍gegeben. ‍Auch ‍wenn ‍sie ‍sprachlich ‍für ‍mich ‍zuerst ‍schwierig ‍gewesen ‍ist, ‍so ‍war ‍ich ‍doch ‍sofort ‍gedanklich ‍bei ‍der ‍Sache. ‍Denn ‍dort ‍stand: ‍„Ein ‍Christenmensch ‍ist ‍ein ‍freier ‍Herr ‍über ‍alle ‍Dinge ‍und ‍niemand ‍untertan. ‍Ein ‍Christenmensch ‍ist ‍ein ‍dienstbarer ‍Knecht ‍aller ‍Dinge ‍und ‍jedermann ‍untertan.“ ‍Freiheit ‍und ‍Abhängigkeit ‍- ‍genau ‍das ‍waren ‍meine ‍Themen. ‍Und ‍zwar ‍genau ‍in ‍dieser ‍aufeinander ‍bezogenen ‍Widersprüchlichkeit. ‍Ich ‍erlebte ‍vieles ‍als ‍Abhängigkeit, ‍suchte ‍nach ‍Identität, ‍wollte ‍ausziehen ‍– ‍frei ‍sein ‍-  und ‍auf ‍eigenen ‍Beinen ‍stehen. ‍Da ‍haben ‍mich ‍die ‍Gedanken ‍und ‍Bilder ‍Luthers ‍angesprochen. ‍Das ‍Hin-und-Hergerissen-Sein ‍kannte ‍ich ‍ganz ‍gut. ‍Nun ‍hat ‍es ‍mich ‍auf ‍ganz ‍anderer ‍Ebene ‍interessiert. ‍Auf ‍theologischer!


‍Nach ‍dem ‍Abitur ‍hatte ‍ich ‍zuerst ‍den ‍Wunsch ‍Medizin ‍zu ‍studieren. ‍Aufgrund ‍meiner ‍Lebenssituation ‍– ‍eigene ‍Wohnung, ‍fester ‍Job ‍– ‍fühlte ‍ich ‍mich ‍an ‍Hamburg ‍gebunden. ‍Ich ‍bewarb ‍mich ‍um ‍einen ‍Studienplatz, ‍kam ‍im ‍Losverfahren ‍aber ‍zweimal ‍nicht ‍weiter, ‍so ‍dass ‍ich ‍neu ‍überlegte. ‍Ich ‍kam ‍auf ‍die ‍Idee, ‍wie ‍wäre ‍es ‍mit ‍Pastor? ‍In ‍der ‍Folge ‍besuchte ‍ich ‍Pastor ‍Bruns ‍mit ‍der ‍Frage, ‍wie ‍das ‍Leben ‍und ‍Arbeiten ‍eines ‍Pastors ‍sei. ‍Er ‍erzählte ‍mir ‍sehr ‍viel. ‍Unter ‍anderem, ‍dass ‍er ‍in ‍Marburg ‍studiert, ‍dass ‍er ‍Rudolf ‍Bultmann ‍kennengelernt ‍und ‍sein ‍eigener ‍Vater ‍– ‍Hans ‍Bruns ‍- ‍die ‍Bibel ‍übersetzt ‍habe. ‍Er ‍erzählte ‍mir ‍von ‍Glaube ‍und ‍Anfechtung, ‍von ‍Seelsorge ‍und ‍der ‍Begleitung ‍von ‍Menschen. ‍Und ‍er ‍sagte, ‍dass ‍er ‍sich ‍vorstellen ‍könne, ‍dass ‍genau ‍das ‍etwas ‍für ‍mich ‍sei.


‍Mit ‍diesen ‍Gedanken ‍habe ‍ich ‍mich ‍beschäftigt. ‍Sie ‍in ‍mir ‍getragen. ‍So ‍reifte ‍der ‍Entschluss, ‍Pastor ‍werden ‍zu ‍wollen. ‍Ich ‍schrieb ‍mich ‍in ‍Hamburg ‍für ‍das ‍Studium ‍der ‍Theologie ‍ein. ‍Nach ‍drei ‍neuerlernten ‍Sprachen ‍und ‍insgesamt ‍14 ‍Semestern ‍hatte ‍ich ‍mein ‍erstes ‍theologisches ‍Examen. ‍Nebenbei ‍hatte ‍ich ‍noch ‍meinen ‍Job ‍und ‍ich ‍leitete ‍einen ‍Jugendchor ‍in ‍der ‍Frohbotschaftskirche ‍in ‍Hamburg ‍Dulsberg.


‍Meine ‍Studienschwerpunkte ‍waren: ‍Neues ‍Testament, ‍Kirchengeschichte ‍(besonders ‍des ‍19. ‍und ‍20. ‍Jahrhunderts ‍und ‍die ‍Beschäftigung ‍mit ‍dem ‍liberalen ‍Protestantismus) ‍und ‍Systematische ‍Theologie ‍(besonders ‍die ‍Bedeutung ‍von ‍Gesetz ‍und ‍Evangelium ‍bzw. ‍Evangelium ‍und ‍Gesetz ‍die ‍Theologie ‍Karl ‍Barths ‍in ‍Kontroverse ‍mit ‍Gerhard ‍Ebeling. ‍Die ‍Frage ‍der ‍Hermeneutik ‍– ‍des ‍Verstehens ‍und ‍Vermittelns ‍von ‍Gedanken ‍- ‍in ‍der ‍Theologie ‍der ‍Rechtfertigung ‍von ‍Walter ‍Mostert.) ‍Außerdem ‍studierte ‍ich ‍den ‍hermeneutischen ‍Ansatz ‍von ‍Paul ‍Tillich, ‍den ‍Gedanken ‍der ‍Säkularisation ‍von ‍Friedrich ‍Gogarten ‍und ‍die ‍Christologie ‍von ‍Dietrich ‍Bonhoeffer. ‍In ‍der ‍Praktischen ‍Theologie ‍erlernte ‍ich ‍das ‍erzählende ‍Predigen ‍und ‍machte ‍mich ‍mit ‍verschiedenen ‍Seelsorgeansätzen ‍vertraut. ‍So ‍beschäftigte ‍ich ‍mich ‍intensiv ‍mit ‍der ‍Trauerarbeit ‍u.a. ‍mit ‍dem ‍Buch ‍Trauer ‍von ‍Verena ‍Kast. ‍Im ‍Nebenfach ‍studierte ‍ich ‍Psychologie.


‍Im ‍folgenden ‍Vikariat ‍konnte ‍ich ‍all ‍das ‍theoretische ‍Wissen ‍praktisch ‍anwenden. ‍Ich ‍durfte ‍viele ‍Gottesdienste, ‍Kasualien ‍und ‍auch ‍Seelsorgebesuche ‍übernehmen. ‍Tatsächlich ‍fand ‍ich ‍in ‍dieser ‍Arbeit ‍viel ‍gute ‍Resonanz, ‍für ‍die ‍ich ‍sehr ‍dankbar ‍bin. ‍Und ‍ich ‍denke, ‍dass ‍genau ‍in ‍diesen ‍Tätigkeiten ‍mit ‍pastoralen ‍Stärken ‍liegen. ‍Hier ‍konnte ‍ich ‍mich ‍ausprobieren, ‍Fehler ‍machen, ‍diskutieren ‍und ‍es ‍anders ‍versuchen. ‍So ‍beendete ‍ich ‍das ‍Vakariat ‍ganz ‍bewusst ‍mit ‍der ‍Vorfreude ‍in ‍einer ‍Gemeinde ‍als ‍Pastor ‍zur ‍Anstellung ‍anfangen ‍zu ‍dürfen.


‍Am ‍16.12.1994 ‍war ‍dann ‍mein ‍erster ‍Tag ‍in ‍der ‍Ev.-Luth. ‍Kirchengemeinde ‍Kirche ‍in ‍Steinbek ‍im ‍Bezirk ‍Kirchsteinbek. ‍Dort ‍gab ‍es ‍einen ‍weiteren ‍Kollegen ‍und ‍die ‍schöne ‍Neogotische ‍Backsteinkirche. ‍Mein ‍Amtsvorgänger ‍war ‍nach ‍über ‍dreißig ‍Dienstjahren ‍in ‍Kirchsteinbek ‍im ‍August ‍des ‍Jahres ‍verstorben. ‍Aufgrund ‍seiner ‍vielen ‍Beziehungen, ‍die ‍er ‍in ‍all ‍den ‍Jahren ‍aufgebaut ‍hatte, ‍war ‍das ‍Jahr ‍1995 ‍schon ‍voller ‍Trauungs- ‍und ‍Tauftermine, ‍die ‍ich ‍nun ‍zu ‍übernehmen ‍hatte. ‍Hinzu ‍kamen ‍viele ‍Beerdigungen. ‍So ‍stieg ‍ich ‍ziemlich ‍schnell ‍voll ‍in ‍das ‍pastorale ‍Leben ‍ein. ‍Ich ‍sah ‍mich ‍mit ‍vielen ‍Erwartungen ‍konfrontiert. ‍Das ‍umso ‍mehr, ‍da ‍ich ‍meinem ‍Dienstvorgänger ‍ganz ‍offensichtlich ‍sehr ‍ähnlich ‍gesehen ‍habe. ‍Die ‍ausgesprochene ‍Erwartung ‍hieß: ‍Sie ‍steigen ‍doch ‍in ‍seine ‍Fußstapfen, ‍oder ‍etwa ‍nicht? ‍Diese ‍Erwartung ‍musste ‍ich ‍natürlich ‍enttäuschen! ‍Aber ‍im ‍Laufe ‍der ‍Zeit ‍und ‍der ‍Gestaltung ‍von ‍Gottesdiensten, ‍Kasualien ‍und ‍Unterricht ‍wich ‍diese ‍Enttäuschung. ‍Schnell ‍wuchsen ‍im ‍gemeindlichen ‍Leben ‍Beziehungen ‍und ‍die ‍Freude ‍am ‍gemeinsamen ‍Tun.


‍Im ‍Sommer ‍1995 ‍gab ‍es ‍dann ‍ein ‍wirklich ‍schwierige ‍Situation ‍zu ‍gestalten ‍und ‍zu ‍bewältigen. ‍Auf ‍einer ‍Reise ‍unseres ‍Jugenddiakons ‍mit ‍einer ‍Jugendgruppe ‍in ‍die ‍Slovakei ‍kamen ‍vier ‍ehrenamtliche ‍Jugendleiter ‍bei ‍einer ‍Kanutour ‍ums ‍Leben. ‍Das ‍war ‍für ‍alle ‍eine ‍Katastrophe. ‍Für ‍die ‍Gruppe ‍dort, ‍den ‍Jugendleiter, ‍die ‍Eltern, ‍die ‍Gemeinde, ‍den ‍Kollegen ‍und ‍mich. ‍In ‍dieser ‍Situation ‍und ‍in ‍den ‍nachfolgenden ‍Jahren ‍war ‍ich ‍besonders ‍als ‍Seelsorger ‍gefragt. ‍Zuerst ‍musste ‍die ‍Gruppe ‍heil ‍zurückkommen. ‍Gar ‍nicht ‍so ‍einfach ‍mit ‍vielen ‍Fernsehteams, ‍die ‍die ‍Verfolgung ‍aufgenommen ‍hatten. ‍Von ‍den ‍Zeitungsreportern ‍ganz ‍zu ‍schweigen. ‍Die ‍trauernden ‍Eltern ‍mussten ‍begleitet ‍und ‍erste ‍Maßnahmen ‍ergriffen ‍werden. ‍Damit ‍begann ‍für ‍mich ‍ein ‍langer ‍seelsorgerlicher ‍Prozess, ‍in ‍dem ‍ich ‍viel ‍über ‍mich ‍und ‍meine ‍eigenen ‍Möglichkeiten ‍lernen ‍konnte. ‍Ich ‍habe ‍aber ‍auch ‍deutlich ‍meine ‍Grenzen ‍wahrgenommen. ‍In ‍dieser ‍Situation ‍schloss ‍ich ‍mich ‍für ‍mehrere ‍Jahre ‍einer ‍Supervisionsgruppe ‍an. ‍Wir ‍gestalteten ‍gemeinsam ‍mit ‍den ‍Eltern ‍und ‍Jugendlichen ‍eine ‍Trauerfeier ‍für ‍die ‍vier ‍verstorbenen ‍Jugendleiter ‍in ‍der ‍Steinbeker ‍Kirche. ‍In ‍der ‍Folge ‍erarbeitete ‍ich ‍mit ‍einem ‍anderen ‍Kollegen ‍eine ‍Struktur ‍für ‍eine ‍Trauergruppe ‍der ‍an ‍der ‍Reise ‍beteiligten ‍Jugendlichen. ‍Mit ‍den ‍Elternpaaren ‍der ‍verstorbenen ‍Jugendlichen ‍gab ‍es ‍über ‍eine ‍lange ‍Zeit ‍gemeinsame ‍Abende ‍und ‍viele ‍Einzelgespräche. ‍Zwei ‍der ‍Elternpaare ‍sowie ‍eine ‍Mutter ‍und ‍ein ‍Vater ‍gingen ‍in ‍Gruppen ‍bei ‍den ‍„Verwaisten ‍Eltern“.

‍Auch ‍wenn ‍in ‍diesen ‍Zusammenhängen ‍nicht ‍alles ‍konfliktfrei ‍gewesen ‍ist, ‍konnte ‍ich ‍hier ‍viel ‍seelsorgerliche ‍Kompetenz ‍erlernen. ‍Ich ‍glaube, ‍es ‍ist ‍mir ‍gelungen, ‍auf ‍die ‍Menschen ‍zu ‍zugehen ‍und ‍ihnen ‍Beziehungen ‍anzubieten. ‍Nebenbei ‍habe ‍ich ‍mich ‍intensiv ‍mit ‍Trauerarbeit ‍von ‍Jorgos ‍Canacakis ‍auseinandergesetzt. ‍


‍Für ‍die ‍weitere ‍Arbeit ‍in ‍der ‍Gemeinde ‍und ‍mein ‍pastorales ‍Selbstverständnis ‍war ‍diese ‍Erfahrung ‍prägend. ‍Das ‍hat ‍mehrere ‍Gründe. ‍


‍Zum ‍ersten ‍habe ‍ich ‍in ‍der ‍damaligen ‍Trauerfeier ‍erstmals ‍frei ‍gesprochen. ‍Mir ‍fehlten ‍eigentlich ‍die ‍Worte. ‍Und ‍was ‍mir ‍vorher ‍geläufig ‍gewesen ‍ist, ‍nämlich ‍alles ‍schriftlich ‍auszuarbeiten, ‍wollte ‍hier ‍absolut ‍nicht ‍passen. ‍So ‍hatte ‍ich ‍es ‍bislang ‍für ‍Gottesdienste ‍und ‍viele ‍Kasualien ‍getan. ‍Doch ‍jetzt ‍wollte ‍ich ‍näher ‍bei ‍den ‍Menschen ‍sein, ‍ihnen ‍in ‍die ‍Gesichter ‍sehen ‍können, ‍sehen, ‍wie ‍sie ‍auf ‍meine ‍Worte ‍reagieren. ‍Das ‍war ‍dann ‍eine ‍ganz ‍andere ‍Predigtvorbereitung. ‍Ich ‍war ‍nicht ‍mehr ‍an ‍den ‍Schreibtisch ‍gebunden. ‍Ich ‍konnte ‍mich ‍frei ‍bewegen ‍und ‍die ‍inneren ‍Bilder ‍kommen ‍und ‍gehen ‍lassen. ‍Ich ‍konnte ‍die ‍Verstorbenen ‍erinnern ‍und ‍die ‍Eltern ‍sehen. ‍Der ‍von ‍ihnen ‍ausgewählte ‍biblische ‍Text ‍erschloss ‍sich ‍mir ‍so ‍ganz ‍neu. ‍In ‍der ‍Trauerfeier ‍trat ‍ich ‍dann ‍ohne ‍Papier ‍vor ‍die ‍Gemeinde ‍und ‍hielt ‍die ‍Ansprache ‍frei. ‍Das ‍war ‍für ‍mich ‍aufregend. ‍Aber ‍es ‍war ‍eine ‍so ‍gute ‍Erfahrung, ‍dass ‍ich ‍seit ‍dem ‍immer ‍frei ‍spreche. ‍


‍Zweitens ‍habe ‍seit ‍dieser ‍Zeit ‍ein ‍tieferes ‍Verständnis ‍der ‍kirchlichen ‍Amtshandlungen ‍– ‍der ‍Kasualien ‍gewonnen. ‍Taufe, ‍Konfirmation, ‍Trauung, ‍Beerdigung ‍sind ‍wichtige ‍Punkte ‍im ‍Leben ‍eines ‍Menschen. ‍Sie ‍wollen ‍gerade ‍hier ‍begleitet ‍werden. ‍Deshalb ‍haben ‍die ‍Gespräche ‍anlässlich ‍dieser ‍Amtshandlungen ‍einen ‍großen ‍Stellenwert. ‍Es ‍ist ‍mir ‍wichtig, ‍Raum ‍zu ‍geben, ‍gut ‍zuzuhören ‍und ‍den ‍anschließenden ‍Gottesdienst ‍liebevoll ‍zu ‍gestalten. ‍In ‍den ‍über ‍10 ‍Jahren ‍in ‍Kirchsteinbek ‍konnte ‍ich ‍das ‍Jahr ‍für ‍Jahr ‍einüben. ‍Dort ‍habe ‍ich ‍oft ‍über ‍30-40 ‍Trauungen, ‍70-80 ‍Taufen, ‍und ‍40-50 ‍Beerdigungen ‍jährlich ‍gestaltet. ‍


‍Drittens ‍hat ‍sich ‍aus ‍dieser ‍Tätigkeit ‍für ‍mich ‍auch ‍die ‍verstärkte ‍Einzelfallseelsorge ‍herausgebildet, ‍die ‍nicht ‍an ‍eine ‍Amtshandlung ‍gebunden ‍ist.


‍Ich ‍denke, ‍dass ‍in ‍der ‍Gestaltung ‍von ‍Gottesdiensten ‍und ‍in ‍der ‍Seelsorge ‍tatsächlich ‍meine ‍pastoralen ‍Stärken ‍liegen. ‍Mir ‍macht ‍diese ‍Tätigkeit ‍zumindest ‍große ‍Freude!


‍Nach ‍gut ‍10 ‍Jahren ‍habe ‍ich ‍dann ‍aufgrund ‍der ‍Pfarrstellenreduzierungen ‍innerhalb ‍der ‍Kirche ‍in ‍Steinbek ‍von ‍Kirchsteinbek ‍nach ‍Mümmelmannsberg ‍gewechselt. ‍Das ‍war ‍ein ‍Wechsel, ‍der ‍genau ‍in ‍die ‍Zeit ‍des ‍großen ‍Kirchensteuereinbruchs ‍von ‍fast ‍einem ‍Drittel ‍für ‍die ‍Gemeinden ‍gefallen ‍ist. ‍


‍Und ‍dieser ‍Wechsel ‍brachte ‍mich ‍auch ‍in ‍ein ‍ganz ‍anders ‍soziales ‍Umfeld. ‍Das ‍Ev.-Luth. ‍Gemeindezentrum ‍ist ‍absichtlich ‍keine ‍Kirche ‍mit ‍Turm, ‍Uhr ‍und ‍Glocken. ‍Rein ‍äußerlich ‍ist ‍es ‍kaum ‍als ‍Kirche ‍wahrzunehmen. ‍Vielleicht ‍war ‍das ‍der ‍Grund ‍dafür, ‍dass ‍es ‍hier ‍kaum ‍kirchliche ‍Amtshandlungen ‍gegeben ‍hatte. ‍Diese ‍wurden ‍meist ‍in ‍der ‍Steinbeker ‍Kirche ‍vollzogen. ‍Die ‍Menschen ‍verbinden ‍Kirche ‍scheinbar ‍mit ‍einem ‍Turm ‍und ‍den ‍Glocken. ‍Ich ‍habe ‍es ‍als ‍eine ‍reizvolle ‍Aufgabe ‍empfunden, ‍Menschen ‍für ‍Taufen, ‍Trauungen ‍und ‍Beerdigungen ‍in ‍Mümmelmannsberg ‍zu ‍gewinnen. ‍Stück ‍für ‍Stück ‍ist ‍dann ‍auch ‍im ‍Kirchengemeinderat ‍das ‍Bewusstsein ‍dafür ‍gewachsen, ‍dass ‍genau ‍diese ‍Gottesdienste ‍ja ‍auch ‍hierher ‍gehörten. ‍


‍Grundsätzlich ‍war ‍meine ‍Tätigkeit ‍in ‍Mümmelmannsberg ‍aber ‍von ‍anderen ‍Umständen ‍geprägt. ‍Hier ‍gab ‍es ‍nur ‍ca. ‍16% ‍Ev.-Luth. ‍Menschen. ‍Das ‍waren ‍aber ‍immerhin ‍noch ‍ca. ‍3300 ‍Gemeindeglieder, ‍für ‍die ‍ich ‍allein ‍zuständig ‍gewesen ‍bin. ‍In ‍Mümmelmannsberg ‍leben ‍Menschen ‍aus ‍über ‍45 ‍Nationen. ‍Sie ‍haben ‍ganz ‍unterschiedliche ‍Traditionen, ‍Kulturen ‍und ‍Religionen ‍mitgebracht. ‍So ‍bestand ‍meine ‍pastorale ‍Tätigkeit ‍hier ‍hauptsächlich ‍darin, ‍ins ‍Gespräch ‍zu ‍kommen, ‍denn ‍in ‍diesem ‍Kontext ‍habe ‍ich ‍die ‍Gemeinde ‍als ‍offen ‍und ‍einladend ‍verstanden. ‍So ‍war ‍das ‍Gemeindezentrum ‍an ‍sieben ‍Tagen ‍in ‍der ‍Woche ‍geöffnet, ‍was ‍seine ‍wichtige ‍soziale ‍Funktion ‍für ‍die ‍Menschen ‍hier ‍zeigt. ‍Es ‍gab ‍die ‍Kleiderkammer, ‍die ‍Hamburger ‍Tafel, ‍soziales ‍Frühstück, ‍Beratung, ‍Kindergruppen ‍und ‍vieles ‍mehr. ‍

‍Der ‍Gottesdienst ‍hatte ‍hier ‍eine ‍wichtige ‍verbindende ‍Funktion. ‍Hier ‍trafen ‍sich ‍die ‍sogenannte ‍Kerngemeinde ‍und ‍viele ‍Menschen, ‍die ‍am ‍Rand ‍standen ‍und ‍sich ‍interessierten. ‍Darunter ‍waren ‍auch ‍Katholiken, ‍Orthodoxe, ‍Evangelikale, ‍Nichtreligiöse ‍und ‍auch ‍Muslime. ‍Nicht ‍selten ‍gab ‍es ‍über ‍60 ‍Menschen, ‍die ‍unseren ‍Gottesdienst ‍besucht ‍haben.


‍Pastoral ‍habe ‍ich ‍diesen ‍Dialog ‍der ‍Menschen ‍unterstützt ‍und ‍begleitet. ‍So ‍habe ‍ich ‍hier ‍vermehrt ‍Taufunterricht ‍gegeben ‍und ‍Erwachsene ‍getauft. ‍Darunter ‍waren ‍auch ‍Muslime, ‍die ‍sich ‍zum ‍Christentum ‍bekehrt ‍hatten. ‍Diese ‍Begegnungen ‍waren ‍für ‍mich ‍ganz ‍neu ‍und ‍sehr ‍spannend. ‍Gleichgeblieben ‍war ‍aber ‍die ‍begleitende ‍Seelsorge, ‍die ‍in ‍Mümmelmannsberg ‍hauptsächlich ‍aus ‍Einzelfallbegleitung ‍bestand. ‍Oft ‍mündeten ‍diese ‍Gespräche ‍in ‍die ‍Entsendung ‍in ‍eine ‍der ‍weiteren ‍Hilfsangebote ‍in ‍Mümmelmannsberg, ‍weil ‍diese ‍den ‍sozialen ‍Belangen ‍fachkundiger ‍entsprechen ‍konnten.

‍Hier ‍in ‍Mümmelmannsberg ‍konnte ‍ich ‍das ‍Arbeiten ‍in ‍Netzwerken ‍intensivieren ‍und ‍Kirche ‍als ‍ein ‍wichtiges ‍Angebot ‍für ‍alle ‍Menschen ‍einbringen. ‍


‍Vielleicht ‍konnte ‍ich ‍Ihnen ‍mit ‍dieser ‍„kurzen“ ‍Beschreibung ‍einen ‍Einblick ‍in ‍mein ‍pastorales ‍Leben ‍geben. ‍Es ‍ist ‍natürlich ‍nicht ‍vollständig, ‍zeigt ‍aber, ‍dass ‍ich ‍die ‍Ausübung ‍dieser ‍Tätigkeit ‍in ‍Beziehung ‍zu ‍den ‍mir ‍anvertrauten ‍Menschen ‍verstehe. ‍


‍Über ‍Rückfragen ‍und ‍ein ‍lebendiges ‍Gespräch ‍würde ‍ich ‍mich ‍sehr ‍freuen!


‍Mit ‍freundlichen ‍Grüßen

‍Michael ‍Ostendorf

‍Im ‍Dezember ‍2013




Diese Website verwendet Cookies. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzerklärung für Details.

OK